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Luigi Colani - dynamic design 1960-2000

17.01. - 22.04.2000

Prof. Luigi Colani hat sich besonders durch seine Fahrzeugentwürfe weltweit einen Namen gemacht. Weniger bekannt sind seine Ende der 60er Jahre entworfenen Möbel, die das Museum als erste Ausstellung im neuen Jahr präsentiert. Oft nur als Prototypen oder in Kleinserien produziert, wirkt ihr Design zeitlos und auch für das neue Jahrtausend wegweisend. Als Beispiel sei hier die Schaumstoff-Sitzgruppe der Firma Kusch + Co genannt für die er 1967 arbeitete. An ihr - wie an vielen anderen Entwürfen - wird deutlich, dass sich das Interesse des “Allround-Designers” an der Lösung aerodynamischer Gestaltungsaufgaben nicht nur an Fahrzeugen des “Allround-Designers” wiederspiegelt.

Ausserdem werden Originalzeichnungen und -fotos aus dem 1971 im Bertelsmann Sachbuch-Verlag erschienenen “Ylem” gezeigt, mit der Colani erstmals sein Schaffen einer breiten Öffentlichkeit vorstellte. Diese Loseblattsammlung ist in einem auffälligen roten Kunststoffkoffer - mit einem für Colani typischen ergonomisch geformtem Tragegriff - untergebracht.

Mit aktuellen Produkten aus den verschiedensten Bereichen wird der Bogen zur Gegenwart gespannt.


Luigi Colani - dynamic design 1960 - 2000

Der Aufbruch des Industriedesigns ins neue Jahrtausend steht ganz im Zeichen des Organischen. Die neueste Gerätegeneration von Macintosh, Dyson, Swatch und anderen Herstellern birgt in ihren organischen Formen und transluzenten Oberflächen (der Eindruck des Amöbenhaften stellt sich ein) eine neue Art von Biodesign, das sich nicht auf ein einfaches mimetisches Verhältnis zur Natur reduzieren lässt, sondern immer auch auf andere Diskurse rekurriert, an Vergangenes anknüpft, eine eigene Geschichte hat und das Verhältnis Mensch-Maschine neu überdenkt. Der wohl avancierteste und prominenteste Vordenker und Designer dieser Richtung in Deutschland ist Luigi Colani, dessen umfangreiches Schaffen hier nur zu einem kleinen Teil präsentiert werden kann.

Dynamic Design

“dynamic design”, so der Titel der Ausstellung, verweist auf eine Designtradition, die ihre Anfänge im “dynamischen” Jugendstil hat, einer Stilrichtung, die sich durch die Ablehnung historischer Formen, die Aufhebung der Grenzen zwischen den Künsten, die Suche nach einer neuen und eigenen Formsprache und die Betonung der Linie als dynamisches Ausdrucksmittel definierte. Das eigentlich Verblüffende, wenn nicht gar Paradoxe an der Dynamik ist, dass sie an eine fixierte Formgebung oder Linienführung (z.B. eine Zeichnung) gebunden ist und die ihr innewohnende Bewegung im Grunde nur eine Simulierte ist. In diesem Zusammenhang ist vor allem auf den belgischen Architekten Henry van de Velde zu verweisen, der die Theorie einer immanenten Kraft der Linie am weitesten vorantrieb.

Die Natur als Vorbild

Neben den theoretischen Überlegungen zur Dynamik spricht noch ein weiterer Grund dafür, den “dynamischen” Jugendstil zum Ausgangspunkt für eine Annäherung an das Design Colanis zu nehmen: Die im Jugendstil praktizierte künstlerische Einbeziehung der Naturbeobachtung durch die Technik der Mikroskopie, wie sie etwa in Bildern Edvard Munchs zu sehen ist, bildet nach Selbstaussagen Colanis auch für ihn eine stetige Quelle der Inspiration. Die Entwürfe Colanis zeichnen sich jedoch nicht nur durch eine der Natur nachempfundene Formgebung (morphologische Analogiebildung) aus (z.B. die Verwendung ovoider Formen), sondern brillieren bisweilen auch durch funktionalistische Adaption von in der Natur vorgefundenen Lösungen (z.B. sein Entwurf eines Weitstreckenseglers nach dem Vorbild eines Flugsamens einer pazifischen Palmenart) - eine Strategie, die heute in der Bionik oder der Biotechnologie zu Hause ist.

Ergonomie

Ein weiterer Schlüssel für die Analyse von Colanis Design ist in den Studien zur Ergonomie vor allem des spanischen Architekten und Kunsthandwerkers Antoni Gaudi zu finden. Anhand von Körperabdrücken schuf Gaudi Negativformen, die dann ausgegossen wurden. So stand etwa der Ausguss einer menschlichen Hand Pate für einen ersten Modellentwurf einer Türklinke. Diese direkte Ableitung einer Ergonomie lässt sich im colanischen Design sehr schön an seinen Griffen (z.B. der Griff des Kunststoffkoffers des Ylem-Buches) ablesen. Man findet dieses Prinzip aber auch auf höherer Abstraktionsstufe, so etwa in seinen Sitzgeräten (die Kinderversion “Zocker” oder die Erwachsenenversion “Colani”) eingelöst: Bei einer angenommenen ergonomischen Sitzhaltung wurde quasi der Raum zwischen den Gliedmaßen ausgegossen - das Ergebnis war eine sehr zweckmäßige und zugleich unkonventionelle Lösung.

Aerodynamik

Neben diesen Verbindungen zum Jugendstil und zur Ergonomie besticht die Formensprache Colanis vor allem durch die Ergebnisse seiner langjährigen Auseinandersetzung mit der Aerodynamik, die seinen Formen eine Geschlossenheit gibt, wie sie an modernen Plastiken von Brancusi, Arp oder Henry Moore zu finden ist. Colanis Design ist jedoch niemals ein Sklave des Luftwiderstandes geworden, sondern geht immer zuerst von einer Idee aus, die den utopischen Kern bereits in sich trägt, was sehr schön an seinen Fahrzeugentwürfen abzulesen ist: Gerade der Verlust der Sichtbarkeit des technischen Merkmals macht den utopischen Kern seines Designs aus.

Autorendesign

Neben den genannten stilistischen und funktionalistischen Aspekten ist vor allem die unglaubliche Vielfalt der Objekte zu nennen, die Colani designt hat, was zusammen mit dem Konzept des “Autorendesigns” (das Design trug oft seinen Namen, seine Signatur oder sein Logo) entscheidend zu seiner Popularität beitrug. Die Palette der Entwürfe reicht vom einfachen Haushaltsgerät bis zum Großraumtransporter, und so entsteht ein Zusammenhang, den man fast eine eigene Welt nennen könnte.